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Albert Vögler – Spurensuche im Ruhrgebiet

Die „Villa Vögler“ 2019

Auf einem Hügel des schönen Ardeygebirges in Herdecke ruht die „Villa Vögler“. Das beeindruckende Herrenhaus im Stil des Neobarock ließ Robert Müser (Bergbauunternehmer 1849-1927) im Jahr 1911 erbauen. Es diente dem Junggesellen Müser als Anwesen für Feierlichkeiten und zu Repräsentationszwecken. 1919 erwarb Albert Vögler das Herrenhaus in Herdecke.

Der am 8. Februar 1877 in Borbeck geborene Albert Vögler war das zweite von acht Kindern. Sein Vater, Karl Friedrich Vögler, hatte es auf der Zeche Hugo (Buer) vom Hilfssteiger zum Betriebsführer geschafft. Sein Sohn Albert lernte den Beruf am Schraubstock „von der Pike auf“ in der Isselburger Hütte kennen.

Am 28. April 1901 bestand Vögler die Abschlußprüfung im Fach „Maschinenbau“ mit „gut“. Im Anschluß an seine Lehrjahre folgten sechs Wanderjahre. Ein Konstruktionsbüro in Herne, die Georgsmarienhütte (Landkreis Osnabrück) und dann die Dortmunder Union waren die beruflichen Stationen des aufstrebenden Ingenieurs.

Laut einer Anekdote fiel Vögler Hugo Stinnes bei einer unangemeldeten Werksbesichtigung in Dortmund im Jahr 1909 positiv auf. Zwischen Stinnes und Vögler entwickelte sich eine produktive Zusammenarbeit. Im Jahre 1926 wurde Vögler Vorstandsvorsitzender der „Vereinigte Stahlwerke AG (VST)“ dem größten Stahl-Konzern Europas. Zusammen mit Ernst Poensgen (stellvertretender Vorstandsvorsitzender der VST) leitete Vögler bis 1935 die „VST“.

In der schwierigen Zeit des Nachkriegs (1. Weltkrieg), der bedrohlichen Inflation und Ruhrbesetzung gehörte Vögler einer Kommission an, die das sogenannte „Micum-Abkommen“ (23. Nov. 1923- 3. Sept. 1924) mit der französisch-belgischen Kontrollkommission unterzeichneten. Seinen Rücktritt als Sachverständiger für die im Februar 1929 in Paris stattfindende „Young Plan-Konferenz“ erklärt sich aus Vöglers Ablehnung wirtschaftlich untragbarer Reparationsforderungen der Siegermächte des 1. Weltkriegs zu erfüllen.

Von 1941 bis zu seinem Tod war er Präsident der „Kaiser Wilhelm Gesellschaft“ bzw. des „Kaiser-Wilhlem-Instituts“ für Forschung und Wissenschaft.

Erst im Herbst 1944 ernannte Reichsminister Speer Albert Vögler zu seinem Stellvertreter für die Eisen- und Energieversorgung im Ruhrgebiet. Zu einem Zeitpunkt, als die Kriegslage für Deutschland zunehmend aussichtslos erscheinen mußte. Im März des darauf folgenden Jahres hatte die Front sich bereits der Stadt Dortmund genähert. Vögler entschloß sich die weiteren Geschehnisse in seinem Haus Ende zusammen mit seiner Frau und Mutter abzuwarten.

Am 13. April 1945 erreichte die Front und Kampflinie Dortmund und Wittbräuke. Bereits einen Tag später drangen überwiegend betrunkene Soldaten der amerikanischen Armee in die Villa Vögler ein. Vöglers Frau und Mutter sperrten die Soldaten in ein Zimmer des Hauses Ende ein und schossen in Gemälde, Telefon und Rundfunkgerät. Unter Gewehrkolbenstößen trieben die amerikanischen Soldaten Vögler vor sich her. (1)

In der Nähe des Bauernhofes Vaerst wurde Vögler von einem polnischen Fremdarbeiter angesprochen, als er von den amerikanischen Soldaten abgeführt wurde. Albert Vögler nutzte die Situation, um seinem Leben durch Einnahme von Gift ein Ende zu setzen. Sein Leichnam wurde von den Soldaten einfach an der Dorfkirche abgelegt. Später Sein konnte sein Chauffeur ihn bergen und im Park des Hauses Ende begraben. Erst am 1. Oktober 1958 fand seine von privater Hand organisierte Umbettung statt.

Die amerikanische Militärverwaltung beanspruchte die „Villa Vögler“ für sich und verwieß Helene Vögler samt Familie des Hauses. Jahre später übergab die Besatzungsmacht das Anwesen mit einer Auflage an die Stadt Herdecke, die „Villa Vögler“ in Zukunft ausschließlich für „soziale Zwecke“ zu nutzen.

Ein einflussreicher Industrieller, der in der Weimarer Republik und später im 3. Reich in der Stahlindustrie und Wirtschaftspolitik einflussreiche Funktionen ausübte, in weiten Kreisen hohe Anerkennung besaß, fand zum Kriegsende ein unwürdiges Ende. Familie Vögler wurde von der Besatzungsmacht enteignet und der Konzern „Vereinigte Stahlwerke“ zerschlagen und Produktionsanlagen demontiert.

Wer kann uns Hinweise und Informationen zur amerikanischen Armee in Herdecke im April 1945 liefern? Welche Einheiten befanden sich in Herdecke und Umgebung?

(1) von Klaas, Gert: Albert Vögler – Einer der Großen des Ruhrreviers, Tübingen: Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, 1957. Seite 285

Haus Ende 2019

Villa Vögler 2019

Einmannbunker

Das Grab Albert Vöglers

Albert Vögler – Einer der Großen des Ruhrreviers (Buch)